Interview mit Elli

Unser Teammitglied Elli im Interview

Über mich (Elli): Ich lebe seit 2022 in Ulm und möchte die Stadt auf dem Weg zur Klimaneutralität unterstützen. Deshalb mache ich seit Anfang dieses Jahres bei LocalZero in Ulm mit. Mein Hintergrund: Verfahrenstechnik-Ingenieurin im Bereich Abwasserreinigung sowie Sanitärversorgung in Entwicklungsländern. Von 2020 bis 2024 habe ich über hundert englischsprachige Wikipedia-Artikel zum Klimawandel überarbeitet. LocalZero hat auch eine Wiki-Seite, und das interessiert mich sehr.

Meetup/SDGs in Wikipedia
Hauptseite des Projektes in Wikipedia

LocalZero Ulm (LZU): Du hast mehr als vier Jahre lang Wikipedia-Artikel zum Klimawandel verbessert. Was hat dich daran besonders fasziniert?

Elli: Wikipedia hat enorme Reichweiten. Wenn man dort Artikel verbessert, aktualisiert oder neu aufsetzt, kann das einen direkten Einfluss auf die öffentliche Wissensvermittlung haben. Gerade bei Klimathemen ist das wichtig, weil viele Wikipedia-Artikel anfangs lückenhaft oder schwer verständlich waren. Heute sind die meisten von ihnen deutlich besser nutzbar.

LZU: Warum ist es beim Klimawandel so wichtig, dass Informationen auf Wikipedia aktuell und gut belegt sind?

Elli: Klimawandel ist komplex, viele Begriffe werden unterschiedlich verwendet. Man denke nur an den Begriff „carbon footprint“, oder an „Klimaneutralität“. Wikipedia hilft dabei, Definitionen und Zusammenhänge nachvollziehbar zu erklären. Gleichzeitig dienen die Inhalte nicht nur Menschen als Informationsquelle, sondern sie fließen auch in KI-Systeme wie z.B. Chat-GPT ein.

LZU: Welche Erfahrungen aus Wikipedia helfen dir heute im LocalZero-Wiki?

Elli: Die Software ist dieselbe, deshalb fällt der Einstieg leicht. Der größte Unterschied: Ein lokales Wiki bietet deutlich mehr Freiheiten als Wikipedia. Gleichzeitig ist aber seine Reichweite auch viel kleiner. Deshalb wünsche ich mir, dass das LocalZero-Wiki in der LocalZero Community stärker genutzt und von den Webseiten der LocalZero Teams sichtbarer verlinkt wird.

Slogan von LocalZero im Wiki von LocalZero
Slogan von LocalZero im Wiki von LocalZero

LZU: Was reizt dich am lokalen Wissensaufbau?

Elli: Viele wichtige Informationen über lokalen Klimaschutz und Emissionen von Städten wie Ulm sind schwer zugänglich. Ein Wiki kann zentrale Erkenntnisse aus Studien und Berichten verständlich aufbereiten und leichter auffindbar machen. So können Bürger:innen besser nachvollziehen, welche Maßnahmen für Klimaschutz und Klima-Anpassung vor Ort sinnvoll sind.

LZU: Welches Klimathema wird besonders häufig missverstanden?

Elli: Ausgerechnet das Konzept der Klimaneutralität. Auch Begriffe wie CO₂-Bilanz sind komplizierter, als sie klingen, weil immer die Frage ist, welche Emissionen mit einbezogen werden. Zudem unterschätzen viele die Folgen eines intensiveren Wasserkreislaufs, der durch die höheren Temperaturen entsteht: mehr Dürreperioden, Überschwemmungen und andere Wetterextreme.

LZU: Wann wurde dir klar, dass Klimawandel ein großes Lebensthema für dich wird?

Elli: Kurz nach dem Abitur im Jahr 1989. Das Thema war damals schon in den Medien präsent (man denke an die Vorhersagen zum Anstieg des Meeresspiegels) und hat mich sofort interessiert und beunruhigt. Schon damals hatte ich Diskussionen mit Menschen in meinem Umfeld, die die Problematik unterschätzt haben oder noch gar nichts davon wussten.

LZU: Welche persönlichen Veränderungen hast Du vorgenommen, um deinen eigenen CO₂-Fußabdruck reduzieren?

Elli: Relativ leicht fallen Maßnahmen wie: weniger Lebensmittelverschwendung, weniger Fleisch und Milchprodukte konsumieren, mehr Fahrrad fahren statt mit dem Auto oder ein bewussterer Konsum (lieber erstmal „second hand“ bei Kleinanzeigen kaufen als neue Waren). Schwieriger sind für mich persönlich Veränderungen beim Reisen: Auf Flugreisen zu verzichten, fällt mir deutlich schwerer. Noch größer könnte der Hebel aber werden, wenn man sich gesellschaftlich engagiert und dadurch politisches Handeln in Ulm und darüber hinaus bewirken kann.

Hauptseiten im Wiki von LocalZero
Hauptseiten im Wiki von LocalZero

LZU: Überzeugen eher Fakten oder persönliche Geschichten?

Elli: Beides. Fakten sind wichtig, aber viele Menschen reagieren stärker auf konkrete, alltagsnahe Beispiele. Besonders wirksam sind klimafreundliche Alternativen, die gleichzeitig günstiger, gesünder oder komfortabler sind. Oft genügt schon ein Denkanstoß, um Gewohnheiten zu verändern.

LZU: Welche Missverständnisse begegnen dir in Klimadiskussionen immer wieder?

Elli: Die Argumentationsmuster wiederholen sich oft (man sieht das ja aktuell wieder jedes Mal, wenn sich ein AfD-ler dazu äußert!): Erst wird der Klimawandel generell bestritten, dann sein menschlicher Ursprung bzw. Einfluss und schließlich die Möglichkeit, überhaupt etwas dagegen zu tun. Dahinter steckt häufig die Annahme, individuelles oder nationales Handeln könne keinen Unterschied machen. Oder eigentlich auch eine große Angst, dass hier etwas passiert, was man nicht mehr im Griff hat … Um die Angst zu überdecken, wird dann einfach mal vehement alles abgestritten.

LZU: Warum bist du von der Technik stärker in die Wissensvermittlung gewechselt?

Elli: Das hat sich im Laufe meines Berufslebens eher zufällig so entwickelt. Wissensvermittlung erreicht viele Menschen, liegt mir persönlich und lässt sich gut ortsunabhängig organisieren (also im Home Office).

LZU: Was macht dir Hoffnung?

Elli: Hoffnung gibt mir, dass sich das weltweite Bevölkerungswachstum verlangsamt oder gar umkehrt und damit langfristig auch der Druck auf Ressourcen sowie unsere Treibhausgas-Emissionen sinken könnte.

LZU: Was macht dir Sorgen?

Elli: Sorgen macht mir, dass viele Menschen wissenschaftliche Erkenntnisse weiterhin ablehnen oder verdrängen – vielleicht sogar heutzutage dank den manipulierenden Algorithmen im Internet und via Social Media noch mehr als früher. Zwei Präsidentschaften von Donald Trump waren so ziemlich das Schlimmste, was für den Klimaschutz passieren konnte … Und Parteien wie die AfD eifern ihm nach und bekommen 40% der Stimmen bei einer Landtagswahl …

LZU: Welche Botschaft würdest du Millionen Menschen mitgeben?

Elli: Klimawandel ist keine Glaubensfrage, sondern eigentlich pure Physik. Mehr CO2 und Methan usw. in der Atmosphäre hat nun mal gewisse Auswirkungen; das lässt sich einfach nicht wegdiskutieren. Wir können den Klimawandel nicht mehr vollständig stoppen, aber wir können seinen Verlauf beeinflussen (und müssen uns leider auch anpassen). Deshalb sollten wir jetzt gemeinsam handeln und alles tun, um die Erwärmung so weit wie möglich zu begrenzen. Jedes Zehntelgrad, das sich die Erde weniger erwärmt, „bringt“ uns schon was!

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